Digitale Nachhaltigkeit: Theologische Begründungszusammenhänge von Allmende bis Zoom

Digitale Nachhaltigkeit: was bedeutet sie theologisch und wie lässt sie sich theologisch begründen? Darauf habe ich mit diesem Vortrag auf der Tagung „Wege zu mehr digitaler Nachhaltigkeit“ versucht, mögliche Antworten aufzuzeigen und weiterführende Fragen zu stellen.

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Anbei die Folien mit kurzen Stichworten.

Belegstellen der Zitat lassen sich über das Literaturverzeichnis am Ende nachweisen. Die Cartoons sind von Michel Hüter.

Zum Einstieg ein Cartoon

Dieser Cartoon stammt von einer Tagung von vor fünf Jahren. Der Cartoon ist eine gute Einführung ins Thema aus zwei Gründen.

  1. Auch wenn ich persönlich die Aussage des Cartoons teile, stellt sich die Frage: Wie komme ich von der Bergpredigt zu Linux? Welche theologischen Begründungszusammenhänge gibt es für diese Aussage? Wie lässt sich digitale Nachhaltigkeit theologisch begründen?
  2. Außerdem: Diese Grafik von einer Veranstaltung von vor fünf Jahren: Darf ich sie nun nutzen? E ist ungeklärt. Also bei digitaler Nachhaltigkeit geht es auch um Nachhaltigkeit digitalen Contents.

Digitale Nachhaltigkeit von A bis Z

Bei digitaler Nachhaltigkeit geht es vom Allmende-Prinzip für digitale Güter bis zum Energieverbrauch durch Webcams bei der Zoom-Nutzung und vieles mehr. Aspekte digitaler Nachhaltigkeit umfasst:

  1. Digitale Ressourcen nachhaltig nutzen
  2. Digitalisierung zur Ressourcenschonung nutzen
  3. “Green IT“: Ressourcenverbrauch von IT minimieren

Digitale Nachhaltigkeit „A“

  • Übertragung des Allmende-Prinzips („Commons“) auf digitale Güter
  • Wissensallmende als Bezugsrahmen für Freie Software, Open-Source-, Open-Content-, Open-Access und Open-Data-Bewegung
  • Zitat Richard Stallman: „Der fundamentale Akt von Freundschaft unter denkenden Wesen besteht darin, einander etwas beizubringen und Wissen gemeinsam zu nutzen. Dieser gute Wille, die Bereitschaft, unserem Nächsten zu helfen, ist genau das, was die Gesellschaft zusammenhält und was sie lebenswert macht.“
  • Frage: Wie sähe eine theologische Begründung der Wissensallmende aus?

Digitale Nachhaltigkeit „M“

Ist das Metaverse ein Beispiel für digitale Nachhaltigkeit?

Digitale Nachhaltigkeit „Z“

  • Beispiel Energieverbrauch bei Zoom-/ Videokonferenzen bzw. Video-Streaming
  • Studien belegen, das Ausschalten der Kamera bei Videokonferenzen kann den CO2-Footprint um 96 Prozent reduzieren.
  • Zitat Maryam Arbabzadeh: „We need companies to give users the opportunity to make informed, sustainable choices. […] Companies could change their default actions to lead to less environmental impact, such as setting video quality to standard definition and allowing users to upgrade to high definition.“
  • Frage: Wie sähe eine theologische Empfehlung für eine Zoom- bzw. Videokonferenz-Nutzung oder Video-Streaming aus?

Pointiert: Ist Netflix-Streaming in SD-Qualität statt in HD christlicher, da ressourcenschonender?

Digitale Nachhaltigkeit: Theologische Begründungszusammenhänge

  • Begründungszusammenhang: Übertragung der Begrifflichkeit aus der Wissenschaftstheorie auf die Theologie (vgl. Gerhard Sauter, Wissenschaftstheoretische Kritik der Theologie)
  • Unterscheidung von Begründungszusammenhang und Entdeckungszusammenhang
  • Gültigkeitsbereich (natur-)wissenschaftlicher bzw. theologischer Erkenntnis
  • Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnis in gesellschaftlichen Diskurs
  • Beispiel: Akt des Wissensteilens begründet als Ausdruck von Freundschaft (Stallmann) oder christlicher Nächstenliebe

Theologische Begründungszusammenhänge: Bewahrung der Schöpfung

Grundlegend: „Verantwortung wahrnehmen für die Schöpfung: gemeinsame Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz“ (1985). Nachhaltigkeit begründet durch:

  • Schöpfungslehre (Neuinterpretation des dominium terræ)
  • Mitkreatürlichkeit des Menschen
  • Verantwortung für andere
  • Ehrfurcht für das Leben

Theologischer Begründungszusammenhang: Digitalisierung unterstützt Bewahrung der Schöpfung

  • Fachliche Abschätzungen
  • Werteabwägungen
  • Gültigkeitsbereiche theologischer Erkenntnis
  • Grenzen der Digitalisierung aufgrund des christlichen Menschenbildes?

Theologischer Entdeckungszusammenhang: Nachhaltiger Umgang mit digitalen Gütern

Freies Teilen digitaler Güter findet sich nicht in der biblischen Tradition, aber es gibt Entdeckungszusammenhänge dazu, wie diese bBiblische Anknüpfungspunkte:

  • Gute Haushalterschaft: „ Und dienet einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes“ (1.Petrus 4,10)
  • „[A]uch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“ (Acta 4,32)

Theologischer Entdeckungszusammenhang: Nachhaltiger Umgang mit digitalen Gütern bei Augustinus

„Omnibus enim res, quae dando non deficit, dum habetur et non datur, nondum habetur, quomodo habenda est.“ („Wenn eine Sache nicht gemindert wird, da man sie mit anderen teilt, ist ihr Besitz unrecht, solange man sie nur allein besitzt und nicht mit anderen teilt.“).

Augustinus

Theologischer Entdeckungszusammenhang: Nachhaltiger Umgang mit digitalen Gütern im Puritanismus/Pietismus

Wissen teilen?
Wissen teilen?
  • Fokus auf das Handeln
  • Kultur des Teilens von Wissen
  • Wertschätzung von Bildung
R.K. Merton, S. 576

Mehr zu Merton und Puritanismus: https://theonet.de/2016/08/26/freie-software-auch-eine-frage-des-menschenbildes

Theologischer Begründungszusammenhang: „Digitalität und Künstliche Intelligenz“ – Thesen der Publizistischen Kommission der DBK

“Leitwerte der Digitalisierung müssen daher sein: Menschenwürde, Freiheit und Verantwortung. Diese Leitwerte und die Katholische Soziallehre (Personalität, Solidaritäts- und Subsidiaritätsprinzip, Gemeinwohlprinzip, Nachhaltigkeit) sind mehr als Humanismus: Sie stehen für die radikale Transzendenz des Menschen – seine Gottesebenbildlichkeit und Würde. Für die politische Sicherung so verstandener Menschenwürde braucht es europa- und weltweite, multilaterale Kooperationen, die Rücksicht auf lokale Gegebenheiten nehmen (Subsidiaritätsprinzip).“

Theologischer Begründungszusammenhang: „Freiheit Digital“ – EKD-Denkschrift

“Werden sie in christlicher Perspektive gelesen, geht es vor dem alttestamentlichen Hintergrund dieser Zehn Worte auch in dem, was wir gemeinhin als die ‚Zehn Gebote‘ bezeichnen, um ein bestimmtes Verständnis der ‚ Freiheit eines Christenmenschen‘; es geht um die Bewährung dieser Freiheit “ (S.14)

„Christliche Freiheit ist Freiheit gerade in, aus und wegen Bindung an Gott – und sie ist Freiheit zur Nächstenliebe: Augustin fasst den Dekalog im Doppelgebot der Tora (Dtn 6,5; Lev 19,18), das von Jesus zitiert wird (Lk 10,27), zusammen: Gott und den Nächsten lieben.“

Zum 5. Gebot:

“In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts prägten Menschen
christlichen Glaubens den Begriff der „nachhaltigen Gesellschaft“ (sustainable society). Dieser Begriff hat weltpolitisch seine jüngste Ausprägung in den 17 Zielen nachhaltiger Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDG) gefunden. “

Nachhaltigkeit (S.111):

“In der Praxis ist nicht immer einfach zu bewerten, wo es ökologisch tatsächlich nachhaltiger ist, herkömmliche Produkte durch digitale Güter zu ersetzen. Die Schwierigkeit besteht darin, dass Menschen vergleichen und verrechnen müssen, was nicht unmittelbar vergleichbar ist. Statt eines Buches ein E-Book zu kaufen, spart einerseits Papier, andererseits steht diesem Gewinn der Energieverbrauch der Transaktion und Nutzung sowie die zur Herstellung nötigen Rohstoffe und der Aufwand der Entsorgung
des digitalen Lesegerätes gegenüber. “

Teilhabe (S. 176):

“Mit den Konzepten von open access, open data und open source haben sich zudem auf freiwilliger Basis Alternativen zur Idee des geistigen Eigentums etabliert. Gleichzeitig sind der Schutz und die Wertschätzung immaterieller Güter grundsätzlich zu sichern: So müssen etwa die Rechte von Schreibenden, Medien- und Kunstschaffenden sowie Verlagsrechte auch im Netz grundsätzlich gewahrt bleiben. Das bezeichnet die bisher kaum gelöste Herausforderung: Die unterschiedlichen Ansätze der Freigabe und der Sicherung geistigen Eigentums im Netz müssen ausbalanciert werden.“

Theologischer Begründungszusammen- hang: Manifesto „Communication for Social Justice in a Digital Age“ (ÖRK/WACC)

Theological perspectives
This transformation of society raises profound issues that the ecumenical fellowship has wrestled with for many decades: power, justice, equity, participation, promoting sustainable communities, how voices from the margins are heard, as well as human dignity.

In seeking to respond to the issues raised by digital transformation, we can find in many faith traditions an incredible depth of insight about what it means to be human and to live justly within the web of creation.
Two intrinsically connected aspects must play a central role in a theological reflection on digital justice: relationality and vulnerability.
Christians believe that being created in the image of God provides inherent dignity to every woman, man, and child (Gen 1:27). Humans are created to be relational and capable of collaboration and communication. We are called to take responsibility and care for God’s creation.

„Das veranlasst uns, zu fragen: Wie können wir uns ein Ökosystem der Kommunikation und Information vorstellen – und uns dafür einsetzen –, das auf Grundsätzen der sozialen Gerechtigkeit wie der Teilhabe aller, Freiheit, Gleichberechtigung, ein zukunftsfähiges Leben und Solidarität beruht und […]
das Open Source-Technologien in einer digitalen Wirtschaft wirksam einsetzt und Wissen und Daten als offenes Wissen teilt.“

Christliche Freiheit & FLOSS-Kultur

Allgemeinwohlorientierung

Zur Diskussion

Absolute Freiheiten?

Freie Software kennt keine Begrenzung der Nutzung („Free Software can be used for any purpose“, siehe Hervorhebung auf der Folie). Damit kann sie beispielsweise auch für militärische Zwecke oder auch für Menschenrechtsverletzungen genutzt werden. Beispielsweise fordert das US-Verteidigungsministerium bei Softwareentwicklungen, dass ein bestimmter Prozentsatz des Codes unter einer freien Software-Lizenz stehen muss.

Ethische Begrenzungen der Freiheit?

Als Reaktion auf die Nutzung Freier Software durch die US-Einwanderungsbehörden durch die Trump-Adminstration und den damit verbundenen Menschenrechtsverletzungen hat die Softwareentwicklerin und Aktivistin Coraline Ada die so genannte “Hippocratic License” vorgeschlagen, die die Nutzung von Software für unethische Zwecke verbietet.

Zum Schluss

Würde Jesus Linux nutzen? Vermutlich. Aber er würde vermutlich auch niemand verurteilen, die/der Windows nutzt.

Literatur

  • Central Committee World Council of Churches. (2021). Neues Kommunikationspapier für das 21. Jahrhundert. Eine Vision der digitalen Gerechtigkeit (Dokument Nr. GEN COM 06.2). https://www.oikoumene.org/sites/default/files/2022-02/Neues-Kommunikationspapier-fu%CC%88r-das-21-Jahrhundert.pdf
  • Central Committee World Council of Churches. (2022). A New Communications Paper for the 21st Century: A vision of digital justice (Document No. GEN COM 06.2). https://www.oikoumene.org/sites/default/files/2022-02/A-New-Communications%20Paper-for-the-21st-Century.pdf
  • Clearingstelle Medienkompetenz. (2020, November 20). Digitalität und Künstliche Intelligenz. Clearingstelle Medienkompetenz. https://medienkompetenz.katholisch.de/thesen-digitalitaet-ki/
  • Evangelische Kirche in Deutschland. (2021). Freiheit digital: Die Zehn Gebote in Zeiten des digitalen Wandels: eine Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland. Evangelische Verlagsanstalt. https://www.ekd-digital.de/dokumente/denkschrift-freiheit-digital.pdf
  • Evangelische Kirche in Deutschland, & Katholische Kirche (Hrsg.). (1985). Verantwortung wahrnehmen für die Schöpfung: Gemeinsame Erklärung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz (1. Aufl). Bachem. https://www.ekd.de/23006.htm
  • Friedrich, B. (2019). Exploring Freedom. A Conversation between FLOSS-Culture and Theological Practices of Freedom. Cursor_ Zeitschrift Für Explorative Theologie. https://doi.org/10.21428/fb61f6aa.9cf71305
  • Fritz, S. (2022). Impact investing – investieren in die Zukunft: Ein Leitfaden für nachhaltiges Unternehmertum und Social Entrepreneurship (1. Auflage). Haufe Group.
  • Jacob, M. (2019). Digitalisierung & Nachhaltigkeit: Eine unternehmerische Perspektive. Springer Vieweg.
  • Merton, R. K. (1938). Science, Technology and Society in Seventeenth Century England. Osiris, 4, 360–632. JSTOR.
  • Merton, R. K. (1973). The sociology of science: Theoretical and empirical investigations. University of Chicago Press.
  • Merton, R. K. (1978). Science, technology and society in seventeenth century England (Reprint). Humanities Pr. [u.a.].
  • Obringer, R., Rachunok, B., Maia-Silva, D., Arbabzadeh, M., Nateghi, R., & Madani, K. (2021). The overlooked environmental footprint of increasing Internet use. Resources, Conservation and Recycling, 167, 105389. https://doi.org/10.1016/j.resconrec.2020.105389
  • Sauter, G. (1973). Wissenschaftstheoretische Kritik der Theologie: Die Theologie und die neuere wissenschaftstheoretische Diskussion, Materialien, Analysen, Entwürfe. C. Kaiser.
  • Travers, K. (2021, März 4). How to reduce the environmental impact of your next virtual meeting. MIT News | Massachusetts Institute of Technology. https://news.mit.edu/2021/how-to-reduce-environmental-impact-next-virtual-meeting-0304
  • Verantwortung wahrnehmen für die Schöpfung. (o. J.). Abgerufen 10. März 2022, von https://www.ekd.de/23006.htm
  • Wissensallmende. (2019). In Wikipedia. https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Wissensallmende&oldid=192841654
  • World Council of Churches. (2021a). Kommunikation für soziale Gerechtigkeit im digitalen Zeitalter: Manifest. https://www.oikoumene.org/de/resources/documents/manifesto-of-the-symposium-communication-for-social-justice-in-a-digital-age
  • World Council of Churches (Hrsg.). (2021b). Manifesto of the symposium „Communication for Social Justice in a Digital Age“. https://www.oikoumene.org/resources/documents/manifesto-of-the-symposium-communication-for-social-justice-in-a-digital-age

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