Künstliche Intelligenz in der Evangelischen Kirche: Chancen und Herausforderungen

Was kann Künstliche Intelligenz (KI) für die Kirche leisten? An zwei Stellen setzt die Evangelische Kirche im Rheinland bereits produktiv KI ein. Neben dem Einsatz ist KI auch ein großes Thema für Veranstaltungen und in Fortbildungen. Künstliche Intelligenz geht also an Kirche nicht vorbei, auch wenn viele Fragen noch nicht geklärt sind.

Drei Veranstaltungen haben mich in den letzten beiden Wochen weiter denken lassen, anbei einige Impulse.

Produktive Nutzung von KI in der Kirche

KI-generierter Martin Luther Avatar

Ein Beispiel für den Einsatz Künstlicher Intelligenz ist der KI-generierte Avatar von Martin Luther. Dieses Projekt lässt die historische Persönlichkeiten Martin Luthers digital erlebbar machen. Nach dem erfolgreichen Launch am Reformationstag befindet sich der KI-Avatar in der Weiterentwicklung und ein Testeinsatz in Schulen ist geplant, insbesondere im Religionsunterricht. Ziel ist es, Schüler*innen die historische Figur Martin Luthers auf eine interaktive Art näher zu bringen und seine Relevanz für die Gegenwart zu entdecken. Durch KI können komplexe theologische und historische Inhalte auf eine ansprechende und zeitgemäße Weise vermittelt werden.

Review Management durch KI

Ein weiterer Bereich ist das Review Management. Bei Unternehmen spielt Review-Management eine entscheidende Rolle für ihren Erfolg. Kundenbewertungen, sowohl positive als auch negative, sind nicht nur ein Spiegelbild der Kundenzufriedenheit, sondern dienen auch als wertvolle Quelle für Feedback und Verbesserungsmöglichkeiten. Bisher blieben solche Bewertungen meist unbeantwortet. Nun macht KI Antwortvorschläge, die eine effiziente und zeitnahe Kommunikation ermöglichen.

In beiden Projekten wird jedoch sichergestellt, dass ein Mensch die finale Prüfung vornimmt und die Inhalte freigibt, bevor diese online gehen.

KI: Hoffnungsträger mit Schattenseiten

Panel-Diskussion an der Macromedia Hochschule
Panel-Diskussion an der Macromedia Hochschule

Erfahrungen aus der Panel-Diskussion

Die Panel-Diskussion an der Macromedia Hochschule beleuchtete verschiedene Aspekte von KI. Prof. Dr. Claudia Loebbecke von der Universität zu Köln sprach sich gegen eine tiefgreifende Regulierung von KI aus und betonte die Bedeutung eines pragmatischen Umgangs mit dieser Technologie. Christoph Schmidt vom Fraunhofer IAIS berichtete über die Entwicklungsarbeiten von OpenGPT-X, einer europäischen Open-Source-Alternative zu ChatGPT, die große KI-Sprachmodelle für den deutschen und europäischen Markt trainiert und hierbei auf Werte wie Transparenz und Faktensicherheit setzt. Diese Beiträge unterstreichen die Notwendigkeit, die Chancen von KI zu nutzen, ohne dabei die Risiken außer Acht zu lassen.

Bias und Diskriminierung

Ein wichtiger Aspekt in der Nutzung von KI, so mein Input auf dem Panel, ist die Vermeidung von Bias und Diskriminierung bei KI-Applikationen. Es ist entscheidend, dass KI-Systeme gerecht und unvoreingenommen agieren, um digitale Gerechtigkeit zu gewährleisten. Die große Herausforderung: KI-Systeme einzusetzen, die nicht transparent sind.

KI und digitale Gerechtigkeit

Die World Association for Christian Communication (WACC) engagiert sich für Kommunikationsrechte weltweit, damit alle Menschen, unabhängig von ihrem Hintergrund, gleichen Zugang zu Kommunikationsmitteln haben und ihre Meinungen frei äußern können. Als europäischer Regionalverband WACC Europe planen wir eine Webinar-Serie, um das Thema Kommunikationsrechte im Kontext von Künstlicher Intelligenz (KI) aufzugreifen. Diese Serie soll darauf abzielen, so das Ergebnis der Vorstandsitzung, ein tieferes Verständnis für die Rolle und die Auswirkungen von KI im Kontext der digitalen Gerechtigkeit zu schaffen und Anleitung für eine verantwortliche Nutzung von KI zu geben. Bei einem Vorstandstreffen von WACC Europe haben wir drei Themenbereiche identifiziert, die wir mit den Webinars aufgreifen wollen.

KI-Tools zur Steigerung der Produktivität

Der erste Bereich konzentriert sich auf den Einsatz von KI-Tools zur Steigerung der Produktivität in kirchlichen Abläufen. Hierbei geht es darum, wie KI genutzt werden kann, um Prozesse effizienter zu gestalten und somit die Arbeitsabläufe innerhalb kirchlicher Organisationen zu optimieren. Dies beinhaltet den Einsatz von KI für administrative Aufgaben, die Automatisierung wiederkehrender Prozesse und die Verbesserung der Kommunikation innerhalb der Gemeinschaft.

Inklusion durch KI

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Stärkung der Inklusion durch KI. Hierbei steht im Vordergrund, wie KI als Werkzeug eingesetzt werden kann, um Sprachbarrieren zu überwinden und Menschen mit Behinderungen zu unterstützen. Dies umfasst beispielsweise die Entwicklung von Übersetzungstools, die es Nicht-Muttersprachler*innen ermöglichen, an Diskussionen teilzunehmen, sowie Technologien, die Menschen mit Seh- oder Hörbehinderungen den Zugang zu Informationen erleichtern.

Privatsphäre und Datensouveränität bei KI-Tools

Schließlich wird die Bedeutung von Privatsphäre und Datensouveränität beim Einsatz von KI-Tools hervorgehoben. In diesem Kontext wird diskutiert, wie wichtig es ist, dass Nutzer*innen die Kontrolle über ihre Daten behalten und dass ihre Zustimmung bei der Verwendung von KI-basierten Anwendungen eine zentrale Rolle spielt. Datenschutz und die Wahrung der Privatsphäre sind entscheidende Faktoren, um das Vertrauen in KI-Systeme zu stärken und ihre Akzeptanz zu fördern.

Insgesamt soll die geplante Webinar-Serie von WACC Europe eine Plattform sein, um die vielfältigen Möglichkeiten und Herausforderungen von KI im kirchlichen und sozialen Kontext zu erkunden und Strategien für einen verantwortungsvollen Umgang mit dieser Technologie zu entwickeln.

KI und Kirchenleitung

ChatGPT 4 generiert ein Bild zu KI, Kirche und Leadership

Im Rahmen eines Treffens zu einem Forschungsprojekt „AI and Religious Leadership“ von Ilona Nord und Pauline Cheong kamen immer wieder interessante Facetten und Grundsatzfragen in der Diskussion über KI auf, einige möchte ich hier wiedergeben, die Auswahl ist subjektiv.

Soziale Dimension der KI?

Ein zentrales Thema war die Frage, ob KI lediglich als ein funktionales Werkzeug anzusehen sei oder ihr auch eine soziale Dimension zukomme, sodass sie z.B. auch als ein sozialer Begleiter im Gemeindeleben fungieren könne. Diese Überlegung ist entscheidend, da sie die Art und Weise beeinflusst, wie KI in kirchlichen Kontexten eingesetzt und wahrgenommen wird. Es geht dabei darum, ob KI ausschließlich für administrative Aufgaben genutzt wird oder ob sie auch die Fähigkeit besitzt, eine tiefere, soziale Interaktion und Unterstützung zu bieten.

KI und religiöse Praxis

Welche Rolle KI spielen kann, wird deutlich an der Frage, wie Schreibmaschinen für religiöse Zwecke genutzt werden können. Schreibmaschinen lassen sich zum Verfassen religiöser Texte nutzen und in der kirchlichen Verwaltung einsetzen, sie haben aber keine inhärente religiöse Dimension, sondern sind ein Tool oder Instrument. Lässt sich diese Analogie auf KI übertragen? Oder besitzt Künstliche Intelligenz auch die Fähigkeit, soziale Interaktionen und Unterstützung zu bieten und selbst zu einem religiösen Agenten zu werden?

Theologie und Technologie

Prägt unsere Theologie den Einsatz von Technologie in der Kirche? Hierbei steht die Frage im Raum, wie theologische Prinzipien und Werte in die Anwendung von KI-Technologien integriert werden können, um sicherzustellen, dass diese im Einklang mit den theologischen Grundsätzen stehen. Dabei stellt sich auch die Frage, ob KI einfach bestehende Funktionen und Rollen übernimmt – z.B. nun eine KI-Pfarrerin an die Stelle der menschlichen Pfarrerin tritt – oder ob grundsätzlich neue Rollen und Funktionen zu schaffen sind – im Falle des Gottesdienstes hieße das vielleicht, KI-Gottesdienste grundsätzlich neu zu denken und diese mit KI und ohne Liturg*in zu feiern.

Notwendigkeit von Richtlinien und Transparenz

Bei der Diskussion zeigte sich immer wieder, wie sehr Richtlinien für den Einsatz von KI in Kirchen notwendig sind. Und auch ein wiederkehrendes Thema: Die Schwierigkeit der Überprüfung von Ergebnissen, die durch KI generiert wurden, denn Transparenz scheint nicht erreichbar zu sein. Überspitzt formuliert: Müssen Informatikerinnen zu evolutionären Biologinnen werden? So wie Biolog*innen anhand der überlebenden Spezies im Nachgang die Evolution beschreiben, werden Informatiker*innen aufgrund der Komplexität die Auswirkungen von KI erst im Rückblick nachvollziehen können?

Künstliche Intelligenz in der Kirche: Ein Balanceakt

Die fortschreitende Integration von Künstlicher Intelligenz (KI) in die kirchlichen Abläufe unterstreicht die dringende Notwendigkeit klarer Richtlinien für ihren Einsatz. Es gilt, ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen den technologischen Möglichkeiten, die KI bietet, und den ethischen, sozialen sowie theologischen Aspekten, die fest in der Kirche verankert sind, zu finden. Die Kirche ist mit der Herausforderung konfrontiert, KI so zu integrieren, dass sie nicht nur den praktischen Bedürfnissen der Gemeinde dient, sondern auch in Einklang mit ihren grundlegenden Werten und theologischen Überzeugungen steht: Prüft aber alles und das Gute behaltet (1.Thessalonicher 5,21).

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