Ich habe mich von der Begeisterung eines Kollegen, der bereits bei einer Vorläuferaktion mitgemacht hatte, anstecken lassen und zugesagt, bei #einfach heiraten mitzumachen, als der Kirchenkreis nach Pfarrpersonen suchte. Als einer der ersten, die zugesagt hatten, konnte ich mir den Segensort noch aussuchen. Ich wählte die Kapelle des Evangelischen Krankenhauses in Mülheim an der Ruhr – über den Dächern der Stadt. Angesichts der hohen Temperaturen an diesem Wochenende war dies im Nachgang eine gute Wahl, da die Kapelle klimatisiert war.
Ich hatte die Nachmittagsschicht. Vor dem Eingang des Krankenhauses machte bereits ein Banner auf die Aktion aufmerksam. In der Kapelle war alles vorbereitet: Sie war bereits geschmückt, ein Team begrüßte die Paare und stellte Wasser bereit. Gemeinsam mit einem Kollegen teilte ich mir die Schicht. Für jedes Paar war im Zeitplan eine Stunde vorgesehen. Eine halbe Stunde war für das Gespräch vorgesehen, anschließend folgte die Segensfeier bzw. die Trauung. Während einer von uns das Gespräch führte, leitete der andere die Segensfeier.


Was sich – zumindest bei dieser Sommerhitze – nicht bewährt hat, war das Zeitfenster für spontane Trauungen oder Segnungen. An unserem Segensort gab es kein Paar, das spontan für eine Segnung oder Trauung vorbeigekommen ist.
Der Ablauf war insgesamt klar organisiert. Die Paare meldeten sich an einem zentralen Ort – der Petrikirche. Dort wurden sie begrüßt und erhielten nach der Trauung auch ihre Urkunde über die Trauung oder Segnung. Außerdem gab es dort ein Losrad, mit dem sich die Paare einen Trauspruch aussuchen konnten. Passte der ausgeloste Spruch nicht, durfte noch einmal gedreht werden – solange, bis der biblische Trauspruch das eigene Selbstverständnis ausdrückte.
30 Minuten für das Wesentliche
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das Trau- bzw. Segensgespräch. Es ist eine intensive und dichte Begegnung. Weil alle wissen, dass der zeitliche Rahmen mit maximal 30 Minuten für das Gespräch eng gesteckt ist, kommt man schnell zum Wesentlichen. Die Paare erzählen, was sie dazu bewegt hat, sich zur Segnung oder Trauung anzumelden. Sie erzählen auch, warum eine kirchliche Trauung beispielsweise nicht möglich war und warum sie sich dennoch Gottes Segen für ihre Beziehung wünschen.
Ich habe erlebt, dass durch die begrenzte Zeit viel Smalltalk entfällt. Stattdessen stelle ich Rückfragen zur Biografie des Paares und versuche zu verstehen, was ihre Beziehung ausmacht und was sie für die beiden einzigartig macht. Das, was ich höre, setze ich anschließend mit dem gewählten Segens- bzw. Trauspruch in Beziehung. Für den Gottesdienst stehen entweder zwei Musikstücke für Orgel oder Klavier zur Auswahl bereit. Alternativ kann sich das Paar statt eines der Musikstücke seinen Lieblingssong auf Spotify aussuchen.
Eine persönliche Ansprache aus wenigen Notizen
Während des Gesprächs mache ich mir Notizen. Für jedes Paar habe ich einen liturgischen Ablauf als PDF-Datei auf dem Tablet. Die Datei enthält genügend Weißflächen, in die ich stichwortartig meine Notizen eintragen kann. So habe ich während des Gottesdienstes den liturgischen Ablauf vor mir und kann anhand meiner Stichpunkte eine persönliche, kurze Ansprache halten, in der ich die biografischen Einzelheiten, den Trauspruch und das Lieblingslied aufgreife.
Zwischen Gespräch und Gottesdienst sammle ich mich kurz und vervollständige meine Notizen. Das hilft mir, gut in den Gottesdienst zu gehen.
Der Gottesdienst lebt für mich nicht von Perfektion, sondern von der Begegnung, die ich zuvor mit dem Paar hatte und im Gottesdienst fortsetze. Im Mittelpunkt steht der Segen, den ich dem Paar zusprechen darf. So wird Glaube erlebbar – auch außerhalb der traditionellen Konventionen einer Trauung.
Mein Fazit
Vor der Aktion hatte ich Vorbehalte, ob ich in der Kürze der Zeit eine gute Ansprache vorbereiten und halten könnte. Außerdem fragte ich mich, ob bei #einfach heiraten Segen und Trauung zu einer Fließbandproduktion werden könnten.
Rückblickend haben sich meine Vorbehalte nicht bestätigt. Die Segensfeier war auf jeden Fall persönlich, die Ansprache vielleicht noch persönlicher als sonst, da ich – ohne fertigen Text vor Augen – noch mehr Kontakt zum Paar aufnahm und stärker präsent war. Im Mittelpunkt stand weder eine perfekte Inszenierung noch ein möglichst reibungsloser Ablauf. Im Mittelpunkt stand der Segen Gottes.
