Traditionsabbruch am Karfreitag?

Karfreitag

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Tanzverbote am Karfreitag, Polizeieinsätze gegen Autotuner, die lieber mit Rennen in ihren aufgemotzten Wagen den Car-Freitag begehen, der Karfreitag ist ein stiller Feiertag, der bei uns in Deutschland  von Gesetzen und Ordnungshütern geschützt wird.
Bis zu Kaiser Konstantin war die christliche Gemeinde mehr oder weniger Untergrundkirche, hatte also keine staatlich geschützten Feiertage. Weltweit leben vermutlich die meisten Christinnen und Christen ohne staatlichen Feiertagsschutz. Also lautet die Frage eher: wollen wir als Gesellschaft den Karfreitag noch haben? Darüber sollten wir offen diskutieren. Um Autorennen zu veranstalten, braucht es den Karfreitag nicht; auch nicht, um einen zusätzlichen Tag für Partys zu haben. In einer freiheitlichen Gesellschaft kann jeder natürlich einen Feiertag so begehen, wie er möchte, solange niemand gestört wird. Dies gilt auch für den Karfreitag. Die der Gesellschaft verordnete Ruhe unterstützt es, den Karfreitag als Tag des Gedenkens an Jesu Passion und Kreuzigung zu begehen. Der Karfreitag kann als Feiertag in unserer Gesellschaft aber nur Sinn haben, wenn Christinnen und Christen vorleben, was der Karfreitag für sie bedeutet.
Statt über eine Aushöhlung des Feiertagsschutzes zu lamentieren, gilt es vielmehr, positiv zu zeigen, was Karfreitag für uns heute bedeutet. „Traditionsabbruch am Karfreitag?“ weiterlesen

Karfreitag: Geht auch dunkles Lila?

Lutherkirche Speldorf am Karfreitag
Lutherkirche Speldorf am Karfreitag
Lutherkirche Speldorf am Karfreitag

An die Erzählungen meiner Großmutter aus ihrer polnischen Heimat erinnere ich mich gut. Sie gehörte zur deutschen, in der Regel evangelisch-lutherischen Minderheit in Polen. Zum feierlichen Abendmahlsgottesdienst am Karfreitag bereitete man sich gut vor. Auch wer kein regelmäßiger Kirchgänger war, ging am Karfreitag in schwarzer Kleidung selbstverständlich in die Kirche. In der Karwoche wurde die Wohnung geputzt, so dass am Feiertag selbst Stille einkehren konnte.

Vom ersten Karfreitagsgottesdienst als Vikar bleibt in meiner Erinnung, wie ich  von der leicht erhöhten Kanzel auf eine volle Kirche blickte, die Gottesdienstbesucher allesamt in schwarzer oder gedeckter Kleidung. Unsere älteste Tochter tat gestern überrascht, dass wir am Karfeitag zur Kirche gingen. Die Jüngste rief bezüglich der karfreitäglichen Kleiderordnung heute morgen beim Anziehen: “Geht auch dunkles Lila?”
Die Kirche war heute am Karfreitag 2014 gut besucht, allerdings gab es nur in der Hauptkirche einen Gottesdienst mit Beteiligung des Chores. Farblich war das Schwarz aber nicht mehr dominant. Abgesehen von meinen eigenen Töchtern und dem familiär verpflichteten Neffen der Pfarrerin waren unter den deutlich über hundert Gottesdienstbesuchern keine Kinder und Jugendliche. Selbstredend gab es auch keinen Kindergottesdienst.

Traditionsabruch am Karfreitag?

War für meine Großmutter Karfreitag zweifelsohne der höchste protestantische Feiertag, begangen meine Eltern (und ich als Kind) Karfeitag noch als stillen Feiertag, ist für unsere Kinder der Gottesdienstbesuch am Karfreitag sogar fraglich, obwohl sie in einem Theologenhaushalt aufwachsen. Deutlicher kann Traditionsabbruch nicht sein. Wenn man nicht mehr durch Tradition und Konvention gehalten ist, gibt es die Freiheit, selbstbestimmt den Sinn der hinter der Tradition steht, zu entdecken. Mit dem Verlust der Karfreitagstraditionen kommt auch Freiheit. Häufig empfand ich am Karfreitag in meiner Kindheit ein beklemmendes Gefühl, dies kennen meine Kinder zum Glück nicht mehr.

Schuldkarte spielen?

In der Predigt zitierte die Pfarrerin einen Blogger, offensichtlich einen Kirchgänger, der sich beklagte, dass die Kirche immer die Schuldkarte spiele. In jedem Gottesdienst gebe es ein Sündenbekenntnis, auch sonst rede die Kirche von Sünde und Schuld, obwohl das nicht seinem Selbstverständnis entspräche, er sei ein ganz normaler Mensch, kein Sünder.

Zweifelsohne trifft der zitierte Blogger das Lebensgefühl vieler Kirchgänger und Kirchenmitglieder. Wie und was soll man also am Karfreitag predigen? Wie interpretieren wir den Tod Jesu theologisch? Ist Karfreitag überhaupt noch der wichtigste protestantische Feiertag? Oder noch pointierter: Was ist das innere Zentrum der evangelischen Kirche?

Die reformatorische Rechtfertigungslehre lässt sich auch mit dem Begriffspaar “simul iustus et peccator” ausdrücken. Theologisch Sünde ist – auch wenn in der Alltagssprache so verstanden – kein Synonym für moralische Verfehlungen, sondern die Selbstbezogenheit des Menschen, der nur sich selbst in den Mittelpunkt stellt und dabei die Mitmenschen und Gott übersieht. Dieser  homo  curvatus in se braucht jemand, der ihn öffnet für Beziehungen zu Mitmenschen und zu Gott. Als Menschen erleben wir das Scheitern und den Abbruch von Beziehungen, der ultimative Beziehungsabbruch ist der Tod.

Karfreitag als Beziehungsgeschehen

Das Karfreitagsgeschehen lässt sich auch als eine exemplarische Beziehungsgeschichte lesen, die Jesus – aus den unterschiedlichsten Motiven der beteiligten Personen – in den Tod führt. Auch gut gemeinte Intentionen können negative Auswirkungen haben – so eine Interpretation, wonach Judas  Jesus dazu drängen wollte, aktiv eine politische Rolle zu übernehmen.

So gibt es verschiedene Deutungen des Karfreitagsgeschehens, die uns modernen Menschen Anknüpfungspunkte in unserer Lebesnwirklichkeit bieten. Wo, wenn nicht am Karfreitag, bietet sich die Möglichkeit, auch von Schuld und Scheitern zu sprechen. Aber eben nicht von oben herab von der Kanzel, sondern aus unserer Lebenswirklichkeit heraus.

Die Reformation fasst das Geschehen von Tod und Auferstehung Jesu – Karfreitag und Ostern – in die Begriffe der Rechtfertigungslehre, in der Reformation wurden die Begriffspaare Gesetz und Evangelium gebraucht, im 20. Jahrhundert dann Zuspruch und Anspruch Gottes. Als Theologinnen und Theologen sind wir daher gefragt, die Botschaft des Evangeliums in unsere Zeit zu übersetzen.
Unsere sprachlichen Bilder werden vielfältiger, weil sich unsere Lebenswirklichkeit ändert. Auch die Farbsprache ändert sich, dies zeigt allein schon der Dresscode für den Gottesdienstbesuch am Karfreitag, natürlich ist auch Lila in Ordnung. Denn es geht darum, dass Karfreitagsgeschehen in unserer heutigen Sprache zu erzählen. Denn Karfreitag ist ein guter Freitag – wie es Nick Baines in einem Wortspiel im Englischen ausdrückt:

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