QR-Codes auf Grabsteinen?

QR-Codes auf Friedhöfen (Pressefotos e-memoria.de)

QR-Codes auf Friedhöfen (Pressefotos e-memoria.de)

„e-memoria verbindet On- und Offlinewelt der Trauernden“ ist die Pressemitteilung eines Start-ups überschrieben, das sich auf der internationalen Bestattungsfachmesse BEFA, die vom 29. bis 31. Mai 2014 in Düsseldorf stattfindet, präsentiert.

„Auf e-Memoria.de können sich Hinterbliebene zusammenfinden und ihren Verstorbenen individuelle Gedenkseiten im Internet widmen. Neben den klassischen Funktionen wie dem Upload von Texten, Fotos, Videos und dem Anzünden einer virtuellen Kerze bietet das Portal zwei weitere Besonderheiten, die es von anderen Anbietern unterscheidet: Jede Gedenkseite kann über einen QR-Code aufgerufen werden, der auf eine Edelstahlplakette gelasert und am Grab des Verstorbenen platziert wird. Trauernde, die vor dem Grab stehen und den QR-Code mit ihrem mobilen Endgerät einscannen, werden so auf die persönliche Seite des Verstorbenen geleitet. Der QR-Code kann zudem digital mit anderen Hinterbliebenen geteilt werden, um sich gemeinsam zu erinnern und Trost zu spenden – auch über räumliche Grenzen hinweg.

Die zweite besondere Funktion ist die Navigationsfunktion zur Grabstätte. Trauernde können über ihr Smartphone die Koordinaten des Grabs auf der Gedenkseite abspeichern. Friedhofsbesucher, die selten die Gelegenheit haben, das Grab des Verstorbenen zu besuchen, können sich so problemlos zur Grabstätte navigieren lassen.“

QR-Codes auf Grabsteinen braucht man nicht zu mögen, aber ob sie sich durchsetzen oder nicht, wird wahrscheinlich nicht so sehr an den Friedhofssatzungen liegen – ob sie dies gestatten oder verbieten – sondern daran, wie QR-Codes in unseren Alltag Eingang finden oder nicht.

Unsere Gesellschaft verändert sich durch die Digitalisierung. Unternehmen merken dies deutlicher, da sie sich am Markt behaupten müssen, während für Friedhöfe der Marktdruck nicht so hoch ist.

Die Musikindustrie ist ein Paradebeispiel für diese Veränderungsprozesse. In Skandinavien haben Streamingdienste die CD verdrängt, Musik kommt aus dem Smartphone – man hört über Kopfhörer oder über eine mit Bluetooth oder WLAN gekoppelte Stereoanlage. Für Popmusik ist dies die Realität, aber auch die Klassik wird nicht vor dem Smartphone verschont bleiben. Man mag das als Verlust von Kultur beklagen, aber auch durchs Klagen wird sich die Veränderung nicht rückgängig machen lassen.

Unternehmen müssen neue Geschäftsmodelle finden, die auch unter den neuen Rahmenbedingungen erfolgreich sind. Gelingt dies nicht, bricht der Absatz ein, veraltete Produkte werden nicht mehr nachgefragt. Gleichzeitig kommen neue Produkte auf den Markt, die erst durch die Digitalisierung möglich wurden.

Ob Musik oder Trauer, unsere Gesellschaft ändert sich. Sicherlich haben die Veränderungen in der Bestattungskultur weit mehr Ursachen in der Säkularisierung als in der Digitalisierung, aber die Frage, wie gehen wir mit der Digitalisierung um, stellt sich trotzdem unverändert – und ür die Kirche in mehrfacher Hinsicht: für die seelsorgliche Begleitung am Lebensende und auch als Inhaberin von Friedhöfen

Statt sich zu verweigern und beispielsweise QR-Codes zu untersagen (will man ernsthaft stilvolle Vasen mit QR-Code verbieten und dieses Verbot auch noch umsetzen?) stellt sich für (kirchliche) Friedhöfe die Frage, wie man konstruktiv mit QR-Codes umgehen kann und was sie für trauernde Menschen leisten können.

Vor dem Handeln und Empfehlen sollte zuerst die Beobachtung und Wahrnehmung kommen.

  • Im Todesfall werden Social Media Profile durch Freunde, Freundinnen und Bekannte des oder der Verstorbenen als Gedenkseiten genutzt und dienen auch der Kondolenz bzw. des Austauschs im Freundeskreis. Da Trauerkarten und Traueranzeigen nur schwer an Social-Media-Kontakte versendet werden können bzw. die Angehörigen deren Kontaktdaten nicht haben, stellt jemand aus dem Freundeskreis den Kontakt zu den Angehörigen her und vermittelt zwischen Familie und Social-Media-Kontakten.
  • Da Social Media Profile nicht als Gedenkseiten konzipiert sind, erfüllen spezielle Gedenkseiten diesen Zweck besser – hier versuchen verschiedene Anbieter in den Markt zu kommen. Dabei gibt es verschiedene Geschäftsmodelle: unter trauer.de versuchen die Zeitungsverlege, ihre (Print-)Traueranzeigen durch Gedenkseitenfunktonen aufzuwerten und so der klassischen Traueranzeige einen Mehrwert zu geben; e-memoria vertreibt Gedenk-Websites in Verbindung mit QR-Codes für die Grabstätte; gedenkseiten.de setzt auf eine kostenfreie Basis-Gedenkseite und eine kostenpflichtige Premiumversion; stayalive.com  bietet besondere Services wie einen digitaler Tresor für wichtige Unterlagen, so dass diese im auch im Todesfall bereitstehen.
  • Angehörige und Freunde nutzen Gedenkseiten, um niederschwellig und auch emotional ihrer Verstorbenen zu gedenken. Dabei posten sie – gerade bei verstobenen Kindern – auch sehr intime Bilder, die teilweise Grenzen überschreiten. Gleichzeitig ist zu beobachten, dass sich Grenzen in Bezug auf Privatsphäre und Öffentlichkeit im Umgang mit Tod und Sterben verschieben.
  • Trauerverhalten und Trauerzeiten individualisieren sich und sind sehr unterschiedlich.
  • Zurzeit scheint der Markt für Gedenkseiten noch offen, verschiedene Anbieter positionieren sich.

 

Vor diesem Hintergrund hat sich der Herausgeberkreis von trauernetz.de (zu dem ich auch gehöre) entschieden, das Angebot um Gedenkseiten zu ergänzen. Damit verfolgen wir mehrere Ziele. Die evangelische Kirche wird damit Trauernden ein kostenloses Angebot machen, mit dem auch keine Gewinnerzielungsabsicht verbunden ist. Gegenüber bestehenden Angeboten sind die Gedenkseiten auf trauernetz.de daher eine Ergänzung. Mit der Art der Darstellung und den Interaktionsformen bemühen wir uns außerdem, Würde und Respekt im Umgang mit dem Tod deutlich werden zu lassen.Schon die Claims „Straße der Besten“ oder auch „Stay alive“ sind aus theologischer Sicht kritisch zu sehen – aber wie gesagt, im Internet gibt es verschiedene Wettbewerber, so dass jede und jeder das für sich passende Angebot nutzen kann.

Wenn wir als Kirche Leben und Tod in den Blick nehmen, müssen Gedenkseiten das kirchliche Webangebot ergänzen, denn Gedenkseiten werden von Menschen nachgefragt.

Wie hoffen ferner, dass in Kooperation mit kirchlichen Friedhöfen so auch für Trauernde ein Mehrwert entsteht. Es gibt das Grab als Ort der Trauer. Wer aus verschiedensten Gründen zu diesem Ort nicht kommen kann oder sich weitere Interaktionsformen wünscht, kann dafür die Gedenkseiten auf trauernetz.de nutzen.

Gedenkseiten stellen einige Fragen. Grabsteine verwittern, auch dies zeigt die Vergänglichkeit des Menschen. Was heißt dies für Gedenkseiten. Einige Anbieter versprechen unbegrenzte Verfügbarkeit. Hier muss man fragen, ob dieses Versprechen unternehmerisch wirklich gedeckt ist, aber auch, ob nicht Verfallszeiten sinnvoll wären, z.B. dass Gedenkseiten in einen Archiv-Modus übergehen, wenn sie für längere Zeit nicht angesehen wurden. Sind Gedenkseiten eine Möglichkeit für Verstorbene, die keine eigene Grabesstätte haben? Die persönliche Gedenkseite quasi als Folge einer anonymen Bestattung? Sind permanente QR-Codes der richtige Weg? Oder sind Aufkleber besser? Oder QR-Codes auf den Aushängen? Wer stellt sicher, dass die QR-Codes tatsächlich langfristig zu einer Gedenkseite führen? Wer entfernt QR-Codes, wenn jemand die Gedenkseite offline stellt? Gräber werden gepflegt, wie sieht Pflege für Gedenkseiten aus?

Das Internet stellt manche Fragen neu – daher bin ich auf den Austausch (aus Urheberrechtsgründen ist die PDF-Datei nicht frei verfügbar) mit den Friedhofsreferentinnen und –referenten aus den EKD-Gliedkirchen morgen auf ihrer Referentenkonferenz gespannt . Die Gedenkseiten auf trauernetz.de sollen zu November online gehen, sind aber weitestgehend schon programmiert – dieses Design ist hier einsehbar.

 

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6 Responses to QR-Codes auf Grabsteinen?

  1. Frank K. says:

    Schauen wir mal eben auf die grundlegende Anforderung, dann geht es doch um die Verlinkung von Grabstein mit Internetseite. Wenn ich dann die Gedenkseiten von https://www.sichererabschied.eu/gedenkseiten richtig verstanden habe, dann wollen die das zukünftig ohne QR-Code lösen.

  2. Eine weitere Möglichkeit für QR-Codes an Grabsteinen und Urnengräbern inklusive einer personalisierten Gedenkseite bietet http://www.trauercode.com. Hier haben Sie die Möglichkeit aus unterschiedlichen Paketen das für Sie passende Paket auszuwählen und zu bestellen. Alle Informationen zu den Pakten bekommen Sie auf http://www.trauercode.com/shop

  3. zm says:

    Eine religionspädagogische ansatzweise Verarbeitung des Themas findet sich in “reli. Zeitschrift für Religionsunterricht”. Heft 4/2014: erinnern und vergessen: http://www.reli.ch.

  4. Bernd says:

    Ich bin schon so oft über einen Friedhof gegangen und habe mich gefragt: Wer mag dort wohl begraben sein?
    Manchmal einfach so. Ein Friedhof in einer fremden Stadt. Wahrscheinlich kenne ich niemanden. Und dann ist da ein Grabstein, ein Name, Lebensdaten. Wer mag das sein, mit diesem Namen, mit diesem Geburtsdatum, mit diesem Sterbetag?
    Manchmal gehe ich über einen mir bekannten Friedhof. Trotzdem kann ich nicht alle Gräber richtig zuordnen. Häufig kommt derselbe Name mehrfach vor. Ist das hier wirklich der, den ich meine? Oder ist hier ein anderer begraben? Was war für ihn wichtig? Was hat er gemacht, gedacht?
    Die QR-Codes könnten manche dieser Fragen beantworten und mir helfen, einen toten Menschen nachträglich zumindest ein wenig kennen zu lernen.

    Und wie oft wurde schon bei der Beerdigung versprochen: „Wir werden Dich nie vergessen!“? Der QR-Code könnte ein wenig dazu beitragen, dass dieses Versprechen ein wenig leichter einzuhalten ist.

  5. h.paul says:

    Die Idee mit Gedenkseiten fürTrauernet finde ich wirklich gut. Und die Idee, QR-Codes auf kirchlichen Friedhöfen zu verbieten, finde ich auch absurd. Und dass der Zah der Zeit auch im Internet nagen wird (auf welchem Wege auch immer), daran habe ich keine Zweifel…

  6. Finde ich doppelt interessant, einmal weil wir letzte Woche auf einer Studienreise in Paris mit Friedhofsbesuchen intensiv auch über die Zukunft von Bestattungen diskutiert haben ( http://wp.me/p2kEr4-O2 ) und zweitens weil ich in meiner Vision von Gemeinde 2030 ( http://wp.me/p2kEr4-L0 ) davon ausgehe, dass genau solche Gedenkstätten in 15, 20 Jahren selbstverständlicher Mainstream sein werden. Wenn ich deinen Beitrag so lese, könnte es schneller gehen. 😉

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