In Online-Trauer liegt auch eine Chance

gedenkseiten_trauernetz_de
 
Wie darf man im Internet trauern? Die Frage lässt sich auch umdrehen: Wie darf man in der Kohlenstoffwelt trauern? Die Gleichung „Internet = virtuell“ und „Offline-Welt = real“ lässt sich nicht mehr aufrechterhalten, für viele Menschen ist das Internet Teil ihrer Lebenswirklichkeit, also sehr real. Im Netz begegnen sich Menschen – und es nehmen auch Menschen Abschied. Allerdings folgt Online-Kommunikation oft anderen Regeln als Offline-Kommunikation. Auch die Trauerkultur ändert sich, Online- und Offline sich keine Gegensätze mehr, sondern können sich auch ergänzen, QR-Codes auf Grabsteinen auf dem Friedhof führen zu Online-Gedenkseiten. Neben evangelischen Friedhöfen bietet die evangelische Kirche nun auch mit gedenkseiten.trauernetz.de auch Online-Gedenkseiten an.
Wird in der Gesellschaft und im persönlichen Umfeld der Tod oft mit einem Tabu belegt – man spricht nicht über das Sterben – so gibt es im Internet oft eine gänzlich andere Gesprächskultur. Darin liegt auch eine Chance. So schreiben Eltern eines todkranken Kindes, für das sie ein Blog im Internet eingerichtet haben:

„Wir haben uns dafür entschieden, offen zu sein. Das hat den Vorteil, dass man uns wahrscheinlich Fragen wie ‘Gibt es Neuigkeiten?’ oder ‘Wie geht’s Euch?’ eher nicht stellt. Das ist für uns einer der möglichen gangbaren Wege, da er uns die Möglichkeit gibt, ein Gespräch zu suchen, ohne es ungewollt finden zu müssen.“

Sie schreiben im Netz über das Sterben ihres Kindes und erhoffen sich so eine Rückzugssphäre in ihrem privaten Leben.
Was ist öffentlich, was ist privat? Das Internet verändert uns alle. Was für manche auf den ersten Blick befremdlich erscheinen mag, ist beim zweiten Hinsehen nicht mehr verstörend, sondern berührend. Es gibt sowohl Fotos von Sterbenden und Toten, die eine Intimsphäre verletzten, aber es finden sich Blogs auch (z.B. https://biglewinski.wordpress.com) und Vimeo-Videos (z.B. über Zion Isaiah Blick), in denen Eltern vom Sterben ihrer Kinder in solch einer respektvollen Weise erzählen, dass sie das Leben preisen – und in deren Beiträgen eine Hoffnung über den Tod hinaus mitschwingt.
Was Menschenwürde und Respekt im Zeitalter sozialer Netze ist, müssen wir neu lernen, wir brauchen eine Kultur, die mit dem Tod umzugehen weiß.
 
PS: Diesen Gastkommentar durfte ich für die WZ am 12. Dezember schreiben, leider waren 1800 Zeichen die Obergrenze.

QR-Codes auf Grabsteinen?

QR-Codes auf Friedhöfen (Pressefotos e-memoria.de)
QR-Codes auf Friedhöfen (Pressefotos e-memoria.de)

„e-memoria verbindet On- und Offlinewelt der Trauernden“ ist die Pressemitteilung eines Start-ups überschrieben, das sich auf der internationalen Bestattungsfachmesse BEFA, die vom 29. bis 31. Mai 2014 in Düsseldorf stattfindet, präsentiert.

„Auf e-Memoria.de können sich Hinterbliebene zusammenfinden und ihren Verstorbenen individuelle Gedenkseiten im Internet widmen. Neben den klassischen Funktionen wie dem Upload von Texten, Fotos, Videos und dem Anzünden einer virtuellen Kerze bietet das Portal zwei weitere Besonderheiten, die es von anderen Anbietern unterscheidet: Jede Gedenkseite kann über einen QR-Code aufgerufen werden, der auf eine Edelstahlplakette gelasert und am Grab des Verstorbenen platziert wird. Trauernde, die vor dem Grab stehen und den QR-Code mit ihrem mobilen Endgerät einscannen, werden so auf die persönliche Seite des Verstorbenen geleitet. Der QR-Code kann zudem digital mit anderen Hinterbliebenen geteilt werden, um sich gemeinsam zu erinnern und Trost zu spenden – auch über räumliche Grenzen hinweg.
Die zweite besondere Funktion ist die Navigationsfunktion zur Grabstätte. Trauernde können über ihr Smartphone die Koordinaten des Grabs auf der Gedenkseite abspeichern. Friedhofsbesucher, die selten die Gelegenheit haben, das Grab des Verstorbenen zu besuchen, können sich so problemlos zur Grabstätte navigieren lassen.“

QR-Codes auf Grabsteinen braucht man nicht zu mögen, aber ob sie sich durchsetzen oder nicht, wird wahrscheinlich nicht so sehr an den Friedhofssatzungen liegen – ob sie dies gestatten oder verbieten – sondern daran, wie QR-Codes in unseren Alltag Eingang finden oder nicht. „QR-Codes auf Grabsteinen?“ weiterlesen