Der christliche Nationalismus ist in den Vereinigten Staaten zu einer politischen Kraft geworden, die evangelikale Gemeinden und Denominationen vereinnahmt. Hinter dem Begriff stehen unterschiedliche theologische Traditionen, Vorstellungen von der Geschichte Amerikas und der Anspruch, die gesellschaftliche Ordnung nach bestimmten religiösen Überzeugungen zu gestalten. Der kanadische Theologe André Gagné hat diese Entwicklungen in einem Webinar von WACC Europe nachgezeichnet.

Was ist christlicher Nationalismus?
Wer die politische Entwicklung in den Vereinigten Staaten verfolgt, begegnet immer wieder dem Begriff Christian Nationalism. Er bezeichnet die Vorstellung, dass die USA ihrem Wesen nach eine christliche Nation seien bzw. wieder werden müssten und dass diese religiöse Identität auch für die politische und gesellschaftliche Ordnung bestimmend sein müsse. Dabei geht es aber um eine Verbindung religiöser Kräfte mit rechten politischen Kräften.
Der Begriff ist allerdings nicht ganz eindeutig. André Gagné weist darauf hin, dass Christinnen und Christen im Laufe der amerikanischen Geschichte sehr unterschiedliche Vorstellungen davon entwickelt haben, wie sich ihr Glaube auf die Gesellschaft auswirken sollte. Nicht jede religiös begründete politische Überzeugung, die eine christliche Ausgestaltung der Gesellschaft anstrebt, ist deshalb bereits mit dem heutigen christlichen Nationalismus gleichzusetzen.
Entscheidend ist vielmehr die Frage, wie das Verhältnis von Religion und politischer Macht verstanden wird. Soll der christliche Glaube Menschen dazu motivieren, sich für eine gerechte Gesellschaft einzusetzen? Oder wird aus ihm der Anspruch abgeleitet, die politische und gesellschaftliche Ordnung verbindlich nach einer bestimmten Auslegung des Christentums zu gestalten?
Gagné interessiert sich besonders für die theologischen Vorstellungen, mit denen ein solcher Machtanspruch begründet wird. Denn der gegenwärtige christliche Nationalismus lässt sich nicht allein als politische Bewegung verstehen. Er hat eine religiöse Vorgeschichte.
Die unterschiedlichen Traditionen des amerikanischen Christentums
Um diese Vorgeschichte zu verstehen, greift Gagné auf den Historiker Matthew Avery Sutton zurück. Dieser unterscheidet vier Traditionen innerhalb des amerikanischen Christentums.
Die konservative Tradition betont die Bewahrung überlieferter Glaubensüberzeugungen, kirchlicher Bekenntnisse und religiöser Ordnungen. Sie sieht in der Kontinuität mit der Vergangenheit einen wesentlichen Maßstab für das christliche Leben.
Die Tradition der Erweckungsbewegung stellt die persönliche Bekehrung und die individuelle Lebensführung in den Mittelpunkt. Sie reicht von den großen Erweckungspredigern wie George Whitefield bis zu Billy Graham. Entscheidend ist die Vorstellung, dass der einzelne Mensch eine persönliche Entscheidung für den Glauben treffen und sein Leben entsprechend verändern soll.
Die liberale Tradition versucht, den christlichen Glauben im Dialog mit Wissenschaft, Vernunft und gesellschaftlichen Veränderungen zu verstehen. Sie geht von einer historisch-kritischen Bibelauslegung aus, sodass theologische Überzeugungen auf die Gegenwart übertragen werden können.
Die befreiungstheologische Tradition versteht Jesus besonders als Befreier der Unterdrückten. Sie fragt danach, welche Bedeutung der christliche Glaube für Menschen hat, die gesellschaftlich benachteiligt oder ausgegrenzt werden. Dazu gehören insbesondere Perspektiven Schwarzer, lateinamerikanischer, indigener und migrantischer Christinnen und Christen. Diese Tradition fand auch in der Bürgerrechtsbewegung ihren Ausdruck.
Diese vier Traditionen sind keine klar voneinander getrennten Strömungen und auch nicht auf bestimmte Denominationen beschränkt. Sie beschreiben unterschiedliche theologische Schwerpunkte, die sich im Laufe der amerikanischen Geschichte immer wieder miteinander verbunden und gegenseitig beeinflusst haben.
Der heutige christliche Nationalismus entsteht nach Gagnés Darstellung vor allem aus einer Verbindung der konservativen Tradition mit der Tradition der Erweckungsbewegung. Dabei werden die Bewahrung einer vermeintlich christlichen gesellschaftlichen Ordnung und die Forderung nach persönlicher religiöser Erneuerung miteinander verknüpft.

Der amerikanische Fundamentalismus
Eine wichtige Station dieser Entwicklung ist der amerikanische Fundamentalismus.
Er entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Reaktion auf Veränderungen, die von seinen Vertretern als Bedrohung des christlichen Glaubens wahrgenommen wurden. Dazu gehörten insbesondere die historisch-kritische Bibelauslegung, die liberale Theologie und die Evolutionstheorie.
Zwischen 1910 und 1915 erschien eine Reihe von Schriften unter dem Titel The Fundamentals. Sie sollten grundlegende Glaubensüberzeugungen gegen moderne theologische und wissenschaftliche Entwicklungen verteidigen.
Der Fundamentalismus war dabei nicht nur eine theologische Bewegung. Seine Vertreter engagierten sich auch in gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen.
Ein bekanntes Beispiel ist der sogenannte Scopes-Prozess von 1925, bei dem es um die Frage ging, ob die Evolutionstheorie an öffentlichen Schulen unterrichtet werden durfte. Obwohl die fundamentalistische Seite vor Gericht einen Erfolg erzielte, verlor sie in der öffentlichen Wahrnehmung erheblich an Ansehen.
Die Bewegung verschwand jedoch nicht. Fundamentalistische Christen beteiligten sich weiterhin an politischen Debatten, etwa in Bezug auf die Prohibition, wandten sich gegen angeblich kommunistische Bestrebungen in den USA und später gegen den Schwangerschaftsabbruch.
Eine neue politische Bedeutung erhielt diese Entwicklung mit der Gründung der Moral Majority durch Jerry Falwell im Jahr 1979. Die Organisation verband konservative protestantische und andere christliche Kräfte mit einer politischen Agenda, die zunehmend innerhalb der Republikanischen Partei vertreten wurde.
Daraus entwickelte sich die sogenannte Christian Right, die christliche Rechte. Ihr Ziel war und ist es, gesellschaftliche und politische Entscheidungen stärker an den eigenen religiösen Wertvorstellungen auszurichten.
Allerdings wäre es verkürzt, alle konservativen oder evangelikalen Christinnen und Christen dieser politischen Bewegung zuzurechnen. Entscheidend ist die Verbindung bestimmter theologischer Überzeugungen mit einem Anspruch auf politische Gestaltungsmacht.
Eine Erinnerung aus den USA
Als ich Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre in den Vereinigten Staaten war, begegneten mir solche Vorstellungen bereits in theologischen Diskussionen.
Ich erinnere mich an einige wenige Studenten an einem theologischen Seminar, die darüber diskutierten, ob die Vereinigten Staaten nicht eigentlich eine Theokratie sein sollten – also ein Staat, dessen politische Ordnung ausdrücklich auf religiösen Vorgaben beruht.
Damals erschienen mir solche Überlegungen als extreme Positionen einzelner Studenten. In Erinnerung geblieben ist mir, mit welcher Selbstverständlichkeit diese Studenten die Vorstellung diskutierten, dass staatliche Gesetze und gesellschaftliche Institutionen einer bestimmten Interpretation biblischer Gebote untergeordnet werden sollten.
Wenn heute über christlichen Nationalismus gesprochen wird, erscheint manches als eine neue Entwicklung, die erst durch Donald Trump entstanden sei. Tatsächlich wurden entsprechende Vorstellungen schon Jahrzehnte zuvor in bestimmten theologischen Kreisen diskutiert. Aber jetzt gewinnen sie an Relevanz und drohen, den Alltag zu bestimmen.
Christian Reconstructionism – die Gesellschaft nach biblischen Vorgaben gestalten
Eine wichtige theologische Grundlage für den gegenwärtigen christlichen Nationalismus sieht Gagné im sogenannten Christian Reconstructionism.
Diese Bewegung ist insbesondere mit dem amerikanischen Theologen Rousas John Rushdoony verbunden, der seit den 1960er-Jahren entsprechende Vorstellungen entwickelte.
Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter des sogenannten Christian Reconstructionism, einer Bewegung, die eine umfassende Neugestaltung der Gesellschaft auf der Grundlage biblischer Gesetze anstrebt. Dabei ist allerdings zu beachten, dass mit „biblisch“ hier keine historisch-kritische oder kontextbezogene Auslegung der Bibel gemeint ist, sondern eine fundamentalistische Interpretation biblischer Texte, aus der ein autoritärer Anspruch auf die Gestaltung der gesellschaftlichen und politischen Ordnung abgeleitet wird.
Nach dieser Vorstellung soll der christliche Glaube nicht lediglich das persönliche Leben bestimmen. Vielmehr sollen auch staatliche Institutionen, Rechtsprechung, Bildung und andere gesellschaftliche Bereiche an einer als verbindlich verstandenen biblischen Ordnung ausgerichtet werden.
Gagné verweist in diesem Zusammenhang auf den niederländischen Theologen und Politiker Abraham Kuyper. Dieser entwickelte die Vorstellung einer Souveränität der gesellschaftlichen Sphären. Unterschiedliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens besitzen demnach jeweils eine eigene Verantwortung und Ordnung.
Allerdings sollte man Kuyper und Rushdoony nicht gleichsetzen. Kuypers Vorstellung einer eigenständigen Verantwortung gesellschaftlicher Bereiche ist nicht identisch mit Rushdoonys Forderung nach einer umfassenden Orientierung der staatlichen Ordnung an biblischem Recht. Im Christian Reconstructionism wird Kuypers Konzept der gesellschaftlichen Sphären radikalisiert und autoritär umgedeutet.
Damit verändert sich auch das Verhältnis zwischen Religion und Gesellschaft. Die christliche Überzeugung ist nicht mehr nur eine Perspektive, aus der heraus Menschen am öffentlichen Leben teilnehmen. Sie wird zum Maßstab, dem sich die gesellschaftliche Ordnung insgesamt unterwerfen soll.
Dominionismus – ein göttlicher Auftrag zur Herrschaft?
Aus diesen Vorstellungen entwickelte sich der sogenannte Dominionismus.
Der Begriff leitet sich vom englischen Wort dominion ab, das Herrschaft oder Herrschaftsbereich bedeutet.
Eine wichtige biblische Grundlage ist der Schöpfungsauftrag in Genesis 1,26–28.
Dieser Text wird innerhalb des Christentums unterschiedlich ausgelegt. Häufig wird er als Auftrag verstanden, Verantwortung für die Schöpfung zu übernehmen und sie zu bewahren.
Im Dominionismus erhält er dagegen eine andere Bedeutung. Hier wird daraus die Vorstellung abgeleitet, dass Christinnen und Christen von Gott den Auftrag erhalten hätten, Herrschaft über die verschiedenen Bereiche der Gesellschaft auszuüben.
Dabei verbindet sich die Vorstellung einer ursprünglichen göttlichen Ordnung mit der Überzeugung, dass diese Ordnung durch den Sündenfall verloren gegangen sei. Die Aufgabe der Gläubigen bestehe nun darin, die verlorene Herrschaft zurückzugewinnen.
Gagné beschreibt, wie diese Vorstellungen insbesondere in charismatischen und pfingstkirchlichen Bewegungen weiterentwickelt wurden. Er spricht in diesem Zusammenhang von einem charismatischen Dominionismus, der nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch weltweit an Bedeutung gewonnen hat.
Der inzwischen verstorbene Theologe C. Peter Wagner beschrieb den göttlichen Auftrag seiner Bewegung als Rückgewinnung dessen, was Adam im Garten Eden an Satan übergeben habe. Ganze Städte und Nationen sollten verändert werden, indem Christen gesellschaftliche Führungspositionen einnehmen und damit, wie Wagner es ausdrückte, „zum Kopf und nicht zum Schwanz“ werden.
Damit wird gesellschaftliches und politisches Engagement Teil eines umfassenden geistlichen Kampfes. Es geht nicht allein darum, politische Entscheidungen zu beeinflussen. Vielmehr wird die Übernahme gesellschaftlicher Machtpositionen als Bestandteil eines göttlichen Auftrags verstanden.
Eine konkrete Strategie zur Umsetzung dieses Anspruchs ist die Vorstellung von den sogenannten Seven Mountains of Culture, den sieben Bergen der Gesellschaft.
Die sieben Berge der Gesellschaft
Eine besonders anschauliche Form hat diese Vorstellung in der Lehre von den sogenannten Seven Mountains of Culture gefunden, den sieben Bergen der Gesellschaft.
Gemeint sind sieben Bereiche, die nach dieser Auffassung für die Gestaltung einer Gesellschaft entscheidend sind: Kunst und Unterhaltung, Wirtschaft, Bildung, Familie, Regierung und Politik, Medien sowie Religion.
Die Vorstellung lautet, dass eine Gesellschaft verändert werden könne, wenn überzeugte Christen in diesen Bereichen einflussreiche Positionen einnehmen.
Es geht dabei nicht unbedingt darum, dass sich eine Mehrheit der Bevölkerung zum christlichen Glauben bekehrt. Entscheidend ist vielmehr, dass die gesellschaftlichen Schlüsselpositionen von Menschen besetzt werden, die sich einem bestimmten religiösen und politischen Ziel verpflichtet fühlen.
Der amerikanische Prediger Lance Wallnau hat diese Strategie unter anderem in seinem Buch Invading Babylon vertreten.
Die Vorstellung der sieben Berge macht deutlich, wie sich eine bestimmte theologische Überzeugung in eine politische Strategie übersetzen lässt. Gesellschaftliche Institutionen erscheinen nicht mehr als Orte, an denen Menschen mit unterschiedlichen Überzeugungen gemeinsam Verantwortung tragen. Sie werden zu Bereichen, die für eine religiös definierte Ordnung gewonnen werden sollen.

Christlicher Nationalismus und die Frage nach der weißen Vorherrschaft
In der Diskussion über den christlichen Nationalismus trifft man häufig auch auf den Begriff White Christian Nationalism, also weißer christlicher Nationalismus.
Damit wird eine Dimension der Bewegung hervorgehoben, die in der amerikanischen Geschichte eine wichtige Rolle spielt: die Verbindung einer bestimmten Vorstellung von christlicher Identität mit dem Anspruch weißer protestantischer Bevölkerungsgruppen auf gesellschaftliche Vorherrschaft.
Gagné weist darauf hin, dass die historische Erzählung, auf die sich diese Bewegung stützt, wesentlich von der Vorstellung einer weißen protestantischen Eroberung und Gestaltung Amerikas geprägt ist.
Dabei ist zu beachten, dass nicht alle Anhänger des christlichen Nationalismus weiß sind. Auch schwarze, lateinamerikanische und indigene Christinnen und Christen können entsprechende Vorstellungen vertreten. Entscheidend ist daher nicht allein die Herkunft der einzelnen Anhänger, sondern die historische und politische Erzählung, die sie übernehmen.
Rassistische Elemente dieser Erzählung werden von ihren Vertretern häufig zurückgewiesen oder bestritten. Dennoch stellt sich die Frage, wessen Geschichte und wessen religiöse Traditionen zum Maßstab für die Identität der gesamten Nation erhoben werden.
Besonders deutlich wird die Verbindung von religiöser Symbolik und politischem Anspruch dort, wo biblische Erzählungen unmittelbar auf die gegenwärtige amerikanische Politik übertragen werden.
Ein Beispiel sind die sogenannten Jericho Marches. Dabei zogen Anhänger der Bewegung um politische Institutionen, unter anderem um das Gebäude des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten. Sie bezogen sich auf die biblische Erzählung von der Eroberung Jerichos.
In der biblischen Geschichte fallen die Mauern der Stadt, nachdem das Volk Israel sie auf göttliche Anweisung umrundet hat. In der politischen Inszenierung wird daraus das Bild einer religiös legitimierten Überwindung bestehender politischer Widerstände.
Hier zeigt sich ein grundlegendes Problem: Politische Auseinandersetzungen werden nicht mehr allein als Konflikte zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Interessen verstanden. Sie erscheinen als Teil eines göttlichen Kampfes, in dem die eigene Seite den Anspruch erhebt, Gottes Willen zu vertreten.
Donald Trump als neuer Kyros
Eine besondere Frage stellt sich angesichts der Unterstützung, die Donald Trump innerhalb christlich-nationalistischer Bewegungen erfährt.
Wie lässt sich erklären, dass Menschen, die großen Wert auf traditionelle christliche Moralvorstellungen legen, einen Politiker unterstützen, dessen öffentliches Auftreten in Widerspruch zu diesen Vorstellungen steht?
Gagné verweist auf eine religiöse Deutung, die seit dem Präsidentschaftswahlkampf 2016 an Bedeutung gewonnen hat.
Donald Trump wird darin mit dem persischen König Kyros verglichen.
Kyros spielt in der hebräischen Bibel eine besondere Rolle. Obwohl er selbst kein Israelit war, wird er im Buch Jesaja als ein von Gott eingesetzter Herrscher beschrieben. Gott bedient sich demnach eines fremden Königs, um seine Absichten mit Israel zu verwirklichen.
Diese Erzählung wird auf Donald Trump übertragen.
Der Gedanke lautet: Ein Politiker muss nicht selbst ein vorbildlicher Christ sein, um dennoch von Gott für eine besondere Aufgabe ausgewählt worden zu sein.
Lance Wallnau hat diese Vorstellung insbesondere in seinem Buch God’s Chaos Candidate verbreitet.
Damit erhält die politische Unterstützung Trumps eine religiöse Begründung, die weit über die Zustimmung zu einzelnen politischen Entscheidungen hinausgeht. Seine Präsidentschaft kann als Teil eines göttlichen Plans verstanden werden.
Gagné weist darauf hin, dass Wallnau ähnliche Deutungen auch auf andere rechtsgerichtete politische Führungspersönlichkeiten überträgt.
Die Vorstellung eines von Gott eingesetzten politischen Führers verändert jedoch die Maßstäbe, nach denen politische Macht beurteilt wird. Politisches Handeln kann dann unabhängig von den persönlichen Eigenschaften eines Herrschers als Erfüllung eines religiösen Auftrags interpretiert werden.
Das Gefühl, die eigene Gesellschaft zu verlieren
Warum finden solche Vorstellungen bei Menschen Zustimmung?
Gagné verweist auf ein Gefühl gesellschaftlicher Ausgrenzung und Benachteiligung, das innerhalb der Bewegung eine wichtige Rolle spielt.
Viele ihrer Anhänger erleben gesellschaftliche Veränderungen als Verlust. Vertraute Wertvorstellungen verlieren an öffentlicher Selbstverständlichkeit, traditionelle Autoritäten werden infrage gestellt, und gesellschaftliche Gruppen, die früher weniger Einfluss besaßen, fordern politische und kulturelle Teilhabe.
Diese Veränderungen können als Bedrohung der eigenen religiösen und kulturellen Identität wahrgenommen werden.
Dabei ist zwischen tatsächlicher Diskriminierung und dem subjektiven Gefühl zu unterscheiden, gesellschaftlich an Bedeutung zu verlieren. Auch Menschen, die weiterhin über beträchtlichen gesellschaftlichen Einfluss verfügen, können sich als ausgegrenzt oder verfolgt verstehen.
Gagné verbindet diese Beobachtung mit Überlegungen zur Radikalisierung. Dabei geht es um die Frage, wie persönliche und gesellschaftliche Kränkungserfahrungen mit politischen Ideologien verbunden werden können.
Gagné verweist in diesem Zusammenhang auf Peter R. Neumann, der sich am King’s College London mit den Ursachen und Mechanismen politischer Radikalisierung und des Extremismus beschäftigt.
Englisches Original:
“Ideology without grievances does not resonate, and grievances without ideology are not acted upon.”
Deutsche Übersetzung:
„Ideologien ohne Kränkungserfahrungen finden keinen Widerhall, und Kränkungserfahrungen ohne Ideologie führen nicht zum Handeln.“
Eine Bewegung, die verspricht, die vermeintlich verlorene Ordnung wiederherzustellen, bietet dann nicht nur politische Ziele, sondern auch eine Erklärung für die eigene Unzufriedenheit.
Christlicher Nationalismus verbindet auf diese Weise eine Theologie der Macht mit dem Gefühl, gesellschaftlich ausgegrenzt oder benachteiligt zu werden.
Die religiöse Deutung gibt diesen Erfahrungen einen größeren Zusammenhang. Gesellschaftliche Veränderungen erscheinen nicht mehr nur als politische Entwicklungen, sondern als Ausdruck eines grundlegenden Konflikts zwischen einer vermeintlich göttlichen Ordnung und den Kräften, die diese Ordnung bedrohen.
Christlicher Nationalismus und die Vorstellung einer nationalen Wiedergeburt
Eine weitere Dimension des christlichen Nationalismus liegt in seiner Vorstellung von der amerikanischen Geschichte.
Am Anfang steht die Vorstellung einer ursprünglich christlichen Nation. Es folgt die Überzeugung, dass diese Nation durch gesellschaftliche Veränderungen, Säkularisierung und den Verlust traditioneller Werte von ihrer Bestimmung abgekommen sei.
Auf die Vereinigten Staaten bezogen bedeutet dies, dass die religiösen Vorstellungen der puritanischen Einwanderer zum Maßstab für die Geschichte und Identität der gesamten Nation erhoben werden. Dabei wird ausgeblendet, dass Nordamerika bereits lange vor der Ankunft europäischer Siedler von indigenen Völkern bewohnt war. Ihre Geschichte, ihre Kulturen und ihre religiösen Traditionen finden in dieser nationalen Erzählung keinen Platz. Die Geschichte Amerikas wird damit vor allem aus der Perspektive der europäischen christlichen Einwanderer erzählt.
Aus dieser Geschichtsdeutung ergibt sich die Forderung nach einer Wiederherstellung der vermeintlich verlorenen christlichen Ordnung.
Die politische Zukunft wird damit als Rückkehr zu einem idealisierten Zustand der Vergangenheit verstanden.
Gagné verweist in diesem Zusammenhang auf den Historiker und Faschismusforscher Roger Griffin.
Griffin beschreibt als ein zentrales Merkmal faschistischer Ideologien die Vorstellung einer nationalen Wiedergeburt. Eine Nation, die angeblich durch Niedergang und Verfall ihre ursprüngliche Größe verloren hat, soll durch eine grundlegende Erneuerung wieder zu ihrer eigentlichen Bestimmung finden.
Gagné erkennt Parallelen zwischen dieser Vorstellung und bestimmten Erzählungen des christlichen Nationalismus.
Dabei geht es nicht darum, jede Form christlich begründeten politischen Engagements mit dem Faschismus gleichzusetzen. Entscheidend ist vielmehr die Struktur einer politischen Erzählung: die Vorstellung einer ursprünglich guten nationalen Ordnung, ihres späteren Verfalls und der Notwendigkeit einer umfassenden Wiederherstellung.
Wenn diese Wiederherstellung mit dem Anspruch verbunden wird, eine bestimmte religiöse Ordnung für die gesamte Gesellschaft verbindlich zu machen, entsteht ein Konflikt mit demokratischem Pluralismus.
Denn eine pluralistische Demokratie geht davon aus, dass Menschen mit unterschiedlichen religiösen und weltanschaulichen Überzeugungen gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.
Eine religiös definierte nationale Identität kann dagegen dazu führen, dass Menschen, die dieser Identität nicht entsprechen, als weniger zugehörig betrachtet werden.
Die Frage lautet deshalb nicht nur, welche Rolle das Christentum in der amerikanischen Geschichte gespielt hat. Es geht auch darum, wer in der Gegenwart zur Nation gehören darf und wer darüber entscheidet.
Welches Reich Gottes?
Am Ende seiner Überlegungen stellt Gagné eine Frage, die unmittelbar in das Zentrum christlicher Theologie führt: Was meinen Christinnen und Christen eigentlich, wenn sie vom Reich Gottes sprechen?
Im Vaterunser beten sie: „Dein Reich komme.“
Dieses Gebet gehört zu den vertrautesten Worten des Christentums. Doch welche Vorstellung vom Reich Gottes verbindet sich damit?
Ist das Reich Gottes eine gesellschaftliche Ordnung, die durch die Übernahme politischer Macht verwirklicht werden soll? Oder geht es um eine Veränderung des Menschen und seiner Beziehungen zu anderen?
Gagné erinnert in diesem Zusammenhang an die frühchristliche monastische Tradition in der Wüste, in der Eremiten in Abgeschiedenheit lebten und sich dem Gebet, der Askese und der Suche nach Gott widmeten.
Auch sie sprachen vom Kampf gegen Dämonen. Doch dieser Kampf richtete sich nicht gegen andere Menschen oder gesellschaftliche Gruppen. Er war zunächst eine Auseinandersetzung mit den eigenen Versuchungen, Ängsten und inneren Konflikten.
Das Reich Gottes wurde nicht als eine Ordnung verstanden, die anderen Menschen aufgezwungen werden sollte. Es begann mit der Veränderung des eigenen Lebens.
Darin liegt ein bemerkenswerter Gegensatz zu den politischen Vorstellungen des Dominionismus.
Während dieser die gesellschaftliche Veränderung mit der Übernahme einflussreicher Positionen verbindet, verweist die monastische Tradition auf die innere Dimension des Glaubens.
Die Veränderung beginnt nicht mit dem Erstreben von Macht in der Gesellschaft, sondern mit der Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben.
Das bedeutet nicht, dass der christliche Glaube keine gesellschaftlichen Konsequenzen hätte. Im Gegenteil: Die Frage, wie Menschen miteinander umgehen, wie sie Verantwortung übernehmen und wie sie sich für andere einsetzen, gehört wesentlich zum christlichen Leben.
Aber es macht einen Unterschied, ob Menschen aus ihrem Glauben heraus Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen oder ob sie den Anspruch erheben, ihre eigene religiöse Überzeugung für alle verbindlich zu machen.
Gagné plädiert deshalb dafür, genauer zu erklären, was mit dem Reich Gottes gemeint ist.
Christliche Verkündigung darf nicht voraussetzen, dass alle Menschen unter diesem Begriff dasselbe verstehen.
Denn eine Sprache, die ursprünglich auf persönliche Umkehr, Versöhnung und die Veränderung des eigenen Lebens verweist, kann auch als Aufruf zur religiösen Eroberung der Gesellschaft verstanden werden.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht nur, ob Christinnen und Christen vom Reich Gottes sprechen, sondern welches Verständnis dieses Reiches sie vermitteln.
Ein Verständnis, das auf die eigene Veränderung und die Verantwortung für andere zielt und sich dabei für Demokratie und Pluralismus engagiert, unterscheidet sich grundlegend von einer Vorstellung, die das Reich Gottes mit der Durchsetzung einer autoritären politischen Ordnung gleichsetzt.
Gerade angesichts des christlichen Nationalismus lohnt es sich, diese Unterscheidung wieder stärker ins Bewusstsein zu rufen.
Zum Hintergrund des Artikels
Dieser Artikel greift Überlegungen des kanadischen Theologen Dr. André Gagné auf, Professor für Theologie an der Concordia University in Montreal.
Gagné stellte seine Analyse des christlichen Nationalismus im Oktober 2026 in einer Onlineveranstaltung von WACC Europe unter dem Titel Competing Visions of Christian Public Life: Christian Nationalism, Churches, and the Politics of Belonging vor.
Die Darstellung beruht auf seinem Vortrag, der begleitenden Präsentation und einem englischsprachigen Artikel von WACC Europe. Sie wurde durch eigene Beobachtungen und theologische Überlegungen ergänzt.
Weiterführende Materialien:
Englischer Artikel von WACC Europe: Whose Kingdom? WACC Europe discusses Christian Nationalism and the Politics of Belonging – [Link folgt, sobald veröffentlicht]
Aufzeichnung des Webinars mit André Gagné – [Link folgt, sobald veröffentlicht]
Bücher von André Gagné
- Gagné, André (2026): Chrétiens en quête de puissance. Présence globale et politique des pentecôtismes. Genf: Labor et Fides.
- Gagné, André (2024): American Evangelicals for Trump: Dominion, Spiritual Warfare, and the End Times. Routledge.
- Gagné, André (2020): Ces évangéliques derrière Trump : hégémonie, démonologie et fin du monde. Genf: Labor et Fides. (Französische Originalausgabe des 2024 auf Englisch erschienenen Buches.)
Dieser Artikel wurde mit Unterstützung künstlicher Intelligenz auf Grundlage der genannten Materialien erarbeitet und redaktionell bearbeitet.
